Dirk Röthig | Managing Director, ALVEON Partners AG | 8. August 2026

Autor: Dirk Röthig, CEO VERDANTIS Impact Capital Datum: 24. April 2026 Kategorie: Agroforst / Regenerative Landwirtschaft


Es ist einer der unwahrscheinlichsten Erfolge in der Geschichte der Landwirtschaft. Ernst Götsch, ein Schweizer Bauer, kaufte 1982 verlassenes, ausgelaugtes Land im Staat Bahia in Brasilien – Land, das Nachbarn als unproduktiv abgetan hatten. Er pflanzte ohne künstliche Dünger, ohne Pestizide, ohne Bewässerung. Stattdessen schuf er ein komplexes System von Pflanzen, das die natürliche Sukzession des Tropenwaldes imitierte. Heute ist seine Farm eine der produktivsten in der Region, die Quellen sind zurückgekehrt, und der Wald gedeiht. Syntropic Agriculture – die Landwirtschaft, die Götsch entwickelt hat – ist einer der radikalsten und inspirierendsten Ansätze der regenerativen Landnutzung.

Was ist Syntropic Agriculture?

Syntropic Agriculture (auch "Syntropic Farming" oder in Brasiliens als "Agrofloresta Sintrópica" bezeichnet) ist ein Anbausystem, das auf dem Prinzip beruht, die natürliche Sukzession – die geordnete Abfolge von Vegetationsstadien, die Ökosysteme durchlaufen – bewusst zu gestalten und für landwirtschaftliche Produktion zu nutzen.

Der Name leitet sich von "Syntropie" ab – dem Gegenteil von Entropie. Während Entropie für Zerfall und Unordnung steht, beschreibt Syntropie in diesem Kontext die Tendenz lebender Systeme, Komplexität und Ordnung aufzubauen. Syntropische Landwirtschaft ist also Landwirtschaft, die mit den ordnungsschaffenden Kräften der Natur arbeitet, statt gegen sie.

Die Kernprinzipien:

  1. 1. Sukzessions-Design: Pflanzen werden nicht nach ihren Ertragsqualitäten allein ausgewählt, sondern nach ihrer Rolle in der natürlichen Sukzession. Pionier-Pflanzen (Sonnenblumen, Mais) beginnen, das System aufzubauen und schaffen Bedingungen für folgende Arten. Sekundäre Arten (Bananenpflanzen, Cassava) übernehmen. Primäre Waldarten (Kakao, Obstbäume, Edelholz) vollenden das System.
  2. 2. Biomasse als Input: Anstatt Material aus dem System zu exportieren (klassische Landwirtschaft), wird Biomasse intern zirkuliert. Astschnitt, Pflanzenreste, Mulch – alles bleibt auf der Fläche und versorgt den Boden kontinuierlich mit organischer Substanz.
  3. 3. Accelerated Succession: Götsch's besondere Technik: Durch strategisches Schneiden und Mulchen von Pionier-Pflanzen zu definierten Zeitpunkten wird die Sukzession beschleunigt. Das ist das "Chop-and-Drop"-Prinzip in seiner durchdachtesten Form.
  4. 4. Keine externen Inputs: Syntropische Systeme sind darauf ausgelegt, vollständig auf externe Düngung, Pestizide und Bewässerung zu verzichten. Das System reguliert sich selbst.

Götschs Erfahrungen: Das Wunder von Bahia

Götsch's Farm "Sítio Olho d'Água" ist zum Mekka regenerativer Landwirt-Pilger geworden. In Regionen, die chronischen Wassermangel hatten, sind auf seiner Farm Quellen wieder aufgegangen. Die umgebenden Bauern haben bei anhaltender Dürre Ernteausfälle – seine Farm produziert stabil.

Dokumentiert ist das Projekt durch Filmaufnahmen über mehrere Jahrzehnte (die Dokumentation "Sintropik – Ernst Götschs syntropher Anbau" ist auf YouTube zugänglich) und durch wissenschaftliche Begleitforschung der Universidade Estadual de Santa Cruz.

Direktes Erleben führt regelmäßig zu demselben Effekt: Besucherinnen und Besucher – Agraringenieure, Wissenschaftler, Aktivisten – verlassen Götschs Farm umgedacht. Die Bilder – ein tropischer Wald, der gleichzeitig Lebensmittel und Heilpflanzen in Hülle und Fülle produziert – widersprechen dem, was landwirtschaftliche Ausbildung über Produktivität lehrt.

Wissenschaftliche Validierung

Syntropic Agriculture ist noch ein vergleichsweise junges Forschungsfeld. Aber erste quantitative Studien liefern faszinierende Daten.

Eine Feldstudie der Universidade Estadual de Santa Cruz (Bahia, 2022) verglich syntropische Systeme mit konventionellen Monokulturen auf vergleichbaren Böden. Ergebnisse nach 10 Jahren:

Dirk Röthig hebt hervor: "Syntropic Agriculture ist für mich das Beispiel par excellence für eine Systemlösung. Es ist nicht ein Problem, das gelöst wird – es ist das System, das problemlösend wird. Das ist der Unterschied zwischen Technologie und Ökosystem-Intelligenz."

Anpassung für Europa

Götschs System ist tropisch entwickelt. Die Adaption für gemäßigte Klimazonen ist möglich, aber erfordert Anpassung der Artenwahl und des Sukzessionsdesigns.

In Europa wird an Syntropic-Adaption vor allem in Portugal, Frankreich und Spanien gearbeitet – Länder mit mediterranen und atlantischen Klimabedingungen, die dem brasilianischen Semi-Ariden am nächsten kommen. Projekte wie "Sítio Cantão" in Portugal dokumentieren, wie das Modell für europäische Bedingungen übersetzt werden kann.

Für mitteleuropäische Verhältnisse sind die Prinzipien übertragbar, auch wenn die Artenauswahl komplett anders sein muss:

Die Integration von Paulownia (mit sterilisierten Hybriden, 0% Keimrate) als schnellwachsende Sekundärart in syntropic-inspired Systemen ist ein aktuelles Forschungsgebiet von VERDANTIS Impact Capital.

Syntropic Agriculture und Klimaschutz

Syntropic Agriculture ist eine potentiell starke Kohlenstoffsenke. Durch den kontinuierlichen Aufbau organischer Substanz in Boden und Biomasse wird CO2 dauerhaft gespeichert. Die Sequestrationraten sind schwer zu verallgemeinern, weil sie stark von Ausgangszustand, Klima und Design abhängen – aber gut etablierte syntropische Systeme können 5-20+ Tonnen CO2/ha/Jahr sequestrieren.

Für Investoren sind diese Systeme interessant als Long-Term-Investment mit multipler Wertschöpfung: CO2-Erlöse, Lebensmittelproduktion, Biodiversitätsgutschriften, Holzwert.

Fazit: Eine Einladung zum Umdenken

Syntropic Agriculture ist nicht für jeden Kontext sofort anwendbar. Es erfordert Beobachtungsgabe, Systemverständnis und die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Landwirte, die nach klaren Maschinenplänen und Standardprotokollen arbeiten, werden sich schwer tun.

Aber als intellektuelles Modell – als Einladung, die Intelligenz lebender Systeme ernstzunehmen – ist Syntropic Agriculture von außerordentlichem Wert. In einer Welt, in der Böden degradieren, Biodiversität schwindet und das Klima kippt, bietet Götschs Lebenswerk eine Vision davon, was möglich ist, wenn Menschen aufhören, gegen die Natur zu arbeiten.


Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital und beschäftigt sich intensiv mit regenerativen Landnutzungssystemen, die gleichzeitig ökologische und ökonomische Intelligenz verkörpern. Website: verdantiscapital.com | dirkroethig.com Kontakt: [email protected]