Dirk Röthig | Managing Director, ALVEON Partners AG | 20. August 2026
Indoor farming versprach seit mehr als einem Jahrzehnt die Revolution der Nahrungsmittelproduktion: pestizidfreie, wassereffiziente und standortunabhängige Ernte das ganze Jahr über. Doch viele Pionierunternehmen sind gescheitert – an einem einzigen Faktor: den Energiekosten für künstliches Licht. 2026 zeichnet sich ab, dass neue Energiekonzepte und technologische Innovationen die Wirtschaftlichkeit fundamental verändern. VERDANTIS Impact Capital steht an der Spitze dieser zweiten Welle des indoor farmings.
Tags: Vertikale Landwirtschaft, Indoor Farming, Energieeffizienz, VERDANTIS, Agrotech
Das Versprechen und sein Preis: Die erste Welle des Indoor Farming
Zwischen 2015 und 2022 erlebte die vertikale Landwirtschaft einen beispiellosen Boom. Unternehmen wie AeroFarms, AppHarvest, Infarm und Bowery Farming sammelten zusammen mehr als 3 Milliarden US-Dollar Risikokapital ein (PitchBook, 2023). Ihre Versprechen waren überzeugend: In mehrstöckigen Hallen könnten Salate, Kräuter und Beeren ganzjährig, ohne Pestizide und mit 95 Prozent weniger Wasserverbrauch als im Freiland produziert werden – direkt in städtischen Zentren, nur Kilometer von den Konsumenten entfernt.
Das Scheitern vieler dieser Pioniere ab 2022 war kein Marktversagen, sondern ein Energieproblem. Künstliche Beleuchtung – der Herzstück jedes Indoor-Farming-Systems – verbraucht 60 bis 80 Prozent der gesamten Betriebskosten (Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme, 2024). Bei europäischen Energiepreisen nach dem Ukrainekrieg wurden diese Kosten für viele Betreiber fatal. AeroFarms meldete 2023 Insolvenz an; Infarm schloss seine meisten Standorte; AppHarvest wurde übernommen.
Doch aus den Ruinen der ersten Welle erwächst eine zweite, die die Lehren beherzigt hat: Wirtschaftlichkeit im Indoor Farming ist nur erreichbar, wenn das Energieproblem fundamental gelöst ist.
Spektral-optimierte LED: Die technologische Grundlage
Der wichtigste Fortschritt der vergangenen drei Jahre ist die Effizienzsteigerung spektral-optimierter LED-Systeme. Frühere Systeme arbeiteten mit Wirkungsgraden von 2 bis 2,5 μmol/J; aktuelle Systeme erreichen bereits 3,5 bis 4,0 μmol/J, und die Forschung treibt die Grenze weiter (Wageningen University Research, 2025).
Das bedeutet in der Praxis: Für dieselbe Lichtmenge, die das Pflanzenwachstum antreibt, wird 40 bis 50 Prozent weniger Strom benötigt als noch 2020. Kombiniert mit pflanzenspezifisch optimierten Lichtspektren, die genau die Wellenlängen priorisieren, die für Photosynthese und Qualitätsparameter wie Geschmack und Nährstoffgehalt entscheidend sind, sinkt der Energiebedarf pro Kilogramm Ernte dramatisch.
Das Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) in Großbeeren hat 2024 Spektraloptimierungsprotokolle für 23 wirtschaftlich relevante Kulturen entwickelt, die den Energieverbrauch gegenüber Standardprotokollen um 30 bis 45 Prozent senken (IGZ, 2024). Diese Protokolle sind inzwischen unter Open-Source-Lizenzen verfügbar und werden von Indoor-Farming-Betreibern weltweit genutzt.
Tageslichtintegration: Das hybride Modell
Ein zentrales Designprinzip der zweiten Indoor-Farming-Generation ist die maximale Integration natürlichen Tageslichts. Statt vollständig geschlossener Hallen setzen neue Anlagen auf hybride Konzepte: transparente oder transluzente Dächer, östlich-westliche Ausrichtung der Anbauschichten und dynamische Ergänzungsbeleuchtung, die nur dann zugeschaltet wird, wenn natürliches Licht unter den erforderlichen Schwellenwert fällt.
Im deutschen Torfauen-Gebiet betreibt ein VERDANTIS-Partnerunternehmen seit 2025 eine Hybridanlage mit 12.000 Quadratmetern Anbaufläche, die in einem ehemaligen Logistikgebäude errichtet wurde. Durch Dachöffnungen und seitliche Verglasung deckt Tageslicht in den Sommermonaten 60 bis 70 Prozent des Lichtbedarfs ab; die Ergänzungsbeleuchtung wird durch ein KI-gesteuertes System in Echtzeit reguliert, das Wetterdaten, Sonnenwinkeldaten und Pflanzenwachstumsparameter kombiniert (VERDANTIS, 2025).
Das Ergebnis: Energiekosten, die um mehr als die Hälfte unter denen vergleichbarer Vollinnenanlagen liegen, bei gleichzeitig höherer Produktqualität durch die positive Wirkung des Sonnenlicht-Spektrums auf sekundäre Pflanzenstoffe.
Erneuerbare Energie und Direktanbindung: Der nächste Schritt
Das verbleibende Energieproblem lösen die ambitioniertesten Anlagen durch direkte Anbindung an erneuerbare Energiequellen. Mehrere Modelle haben sich als wirtschaftlich tragfähig erwiesen:
Agri-Voltaik-Integration: Die Kombination von Photovoltaik-Paneelen auf dem Dach einer Indoor-Farming-Anlage mit dem Anbau darunter ist der direkteste Ansatz. Moderne bifaziale PV-Module auf optimal geneigten Dächern können in deutschen Breitengraden 70 bis 100 kWh/m² Dachfläche pro Jahr erzeugen – ausreichend, um im Jahresverlauf einen erheblichen Teil des Energiebedarfs zu decken (Fraunhofer ISE, 2025).
Power Purchase Agreements mit Windenergie: Mehrere holländische und dänische Indoor-Farming-Unternehmen haben langfristige Stromlieferverträge mit Windparks abgeschlossen, die Festpreise von 4 bis 6 Eurocent pro kWh ermöglichen – ein Bruchteil der Börsenstrompreise. Dieser Ansatz setzt eine ausreichende Größe der Anlage voraus, um die Transaktionskosten des PPA zu amortisieren (Energy Monitor, 2025).
Überschussstrom-Integration: In Regionen mit hohem Anteil erneuerbarer Energien entstehen zunehmend Stunden mit negativen Börsenpreisen oder sehr niedrigen Preisen. Flexible Indoor-Farming-Anlagen, die ihren Lichtzyklus in Grenzen anpassen können (z.B. Verlängerung der Lichtperiode bei billigem Strom, Verkürzung bei teuerem), können diese Arbitragemöglichkeit nutzen und ihren Energiekosten erheblich senken.
VERDANTIS Impact Capital entwickelt gemeinsam mit dem Fraunhofer ISE und Systempartnern integrierte Energie-Agrar-Modelle, die alle drei Ansätze kombinieren und damit Indoor-Farming-Anlagen ermöglichen, die ihren Energiebedarf bei Vollauslastung zu 80 bis 90 Prozent aus erneuerbaren Quellen decken.
Skalierbarkeit durch Standardisierung: Das Modulprinzip
Neben der Energiefrage war die zweite Hürde der ersten Indoor-Farming-Generation die mangelnde Skalierbarkeit. Jede Anlage war ein Unikat, teuer in Planung und Bau, und Wissenstransfer zwischen Standorten war begrenzt.
Die zweite Generation setzt auf Modularisierung. Standardisierte Anbauzellen, die wie Container produziert und transportiert werden können, ermöglichen eine schnelle und kostengünstige Skalierung. Das niederländische Unternehmen Ridder und das deutsche Startup Growstack haben modulare Indoor-Farming-Systeme entwickelt, die eine Anlage von 1.000 auf 10.000 Quadratmeter in Schritten von wenigen Wochen skalieren lassen (Ridder, 2025; Growstack, 2025).
Diese Standardisierung senkt nicht nur die Investitionskosten, sondern ermöglicht auch die Automatisierung und Digitalisierung des Betriebs. Wenn alle Anbauzellen identisch konfiguriert sind, können Robotersysteme für Pflanzung, Pflege und Ernte skaliert werden, ohne für jeden Standort neu konfiguriert zu werden.
Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) hat in einem Verbundprojekt mit zehn deutschen Indoor-Farming-Unternehmen ein vollständiges Automatisierungskonzept für modulare Anlagen entwickelt, das Arbeitskosten – traditionell die zweitwichtigste Kostenkategorie nach Energie – um 50 bis 70 Prozent senkt (Fraunhofer IPA, 2025).
Sortenwahl und Wertschöpfung: Die wirtschaftliche Logik
Eine unterschätzte Dimension der Indoor-Farming-Wirtschaftlichkeit ist die Sortenwahl. Nicht alle Kulturen eignen sich gleichermaßen für den Indoor-Anbau; das wirtschaftliche Kalkül hängt stark davon ab, welche Kulturen den Energieaufwand durch ausreichend hohe Erlöse rechtfertigen.
Die erste Indoor-Farming-Generation fokussierte auf Salate, Kräuter und Microgreens – Kulturen mit kurzen Wachstumszyklen und gewissen Energiepräferenzen. Diese Fokussierung führte zu Überkapazitäten und Preisverfall in genau diesen Segmenten.
Die zweite Generation differenziert stärker. Besonders wirtschaftlich sind:
- - Pharmabotanik und Nutraceuticals: Heilpflanzen, Adaptogene und Pflanzen mit hohem Wirkstoffgehalt erzielen 10 bis 100-fach höhere Erlöse pro Quadratmeter als Standard-Salatkulturen. Qualität und Reinheit können im Indoor-Umfeld kontrolliert werden wie in keinem anderen Produktionssystem.
- - Seltene und saisonale Kulturen: Kulturen, die im Freiland nur regional oder saisonal verfügbar sind, können im Indoor-Umfeld das ganze Jahr produziert werden und erzielen entsprechend Prämien.
- - Spezifische Qualitätssegmente: Für Gastronomie und Lebensmittelverarbeitung spezifisch gezüchtete Sorten mit konstanten Qualitätsmerkmalen.
VERDANTIS Impact Capital investiert in Indoor-Farming-Unternehmen, die diese höherwertigen Marktsegmente gezielt adressieren und damit eine wirtschaftliche Tragfähigkeit erreichen, die mit Standard-Salatkulturen nicht möglich wäre. Die Verbindung aus technologischer Infrastruktur und strategischer Sortenwahl definiert die rentablen Indoor-Farming-Konzepte der zweiten Generation.
Wassereffizienz und Nährstoffkreisläufe
Neben der Energie ist Wasser die zweite kritische Ressource. Hydroponische und aeroponische Systeme erreichen Wassereffizienzwerte, die im Freilandanbau undenkbar sind: 95 bis 98 Prozent des eingesetzten Wassers wird durch Zirkulations- und Kondensationssysteme zurückgewonnen und wiederverwendet.
In wasserarmen Regionen – und der Klimawandel macht mehr europäische Regionen zu Wasserstresszonen – wird dieser Vorteil zunehmend zu einem wirtschaftlichen Argument. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat 2024 ein Förderprogramm für wassersparende Anbausysteme aufgelegt, das Indoor-Farming-Anlagen in wasserarmen Gebieten besonders begünstigt (BMEL, 2024).
Geschlossene Nährstoffkreisläufe, bei denen organische Abfälle aus der Produktion – Pflanzenmaterial, Verpackungsreste – durch Kompostierung oder Anaerobbetrieb zurück in den Nährstoffkreislauf eingespeist werden, runden das Bild einer potentiell kreislaufwirtschaftlich geschlossenen Produktion ab.
Städtische Integration: Vom Silo zur Symbiose
Die Vision der vertikalen Landwirtschaft war immer urban: Produktion dort, wo Konsum stattfindet. 2026 entstehen erste integrierte urbane Lebensmittelsysteme, in denen Indoor-Farming-Anlagen nicht isoliert existieren, sondern Teil eines städtischen Metabolismus werden.
In Rotterdam ist eine Indoor-Farming-Anlage direkt an ein Rechenzentrum angebunden: Die Abwärme des Rechenzentrums heizt die Anlage, spart Energie für Heizung und Kühlung und ermöglicht gleichzeitig dem Rechenzentrum, seine Abwärmebilanz zu verbessern. In Helsinki nutzt eine ähnliche Anlage die Abwärme eines Fernwärmekraftwerks (Nuvaria, 2025).
Diese Symbioseprojekte zeigen, dass Indoor-Farming in einem integrierten städtischen Energiesystem eine andere – und wesentlich günstigere – Wirtschaftlichkeit erreicht als isoliert betriebene Anlagen.
Quellenverzeichnis
- - PitchBook (2023). Vertical Farming Investment Tracker 2015–2023. PitchBook Data. https://pitchbook.com
- - Fraunhofer ISE (2024). Energiekosten im Indoor Farming: Analyse und Optimierungspotenziale. Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme. https://www.ise.fraunhofer.de
- - Wageningen University Research (2025). LED Efficiency in Horticultural Lighting: 2025 Benchmark Report. WUR Greenhouse Horticulture. https://www.wur.nl
- - IGZ (2024). Spektraloptimierungsprotokolle für Indoor-Kulturen: Open-Source-Leitfaden. Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau. https://www.igzev.de
- - VERDANTIS (2025). Hybrid Indoor Farming Pilot: First Year Results. VERDANTIS Impact Capital. https://www.verdantis.capital
- - Fraunhofer ISE (2025). Agri-Voltaik für Indoor-Farming: Technische und wirtschaftliche Analyse. Fraunhofer ISE. https://www.ise.fraunhofer.de
- - Energy Monitor (2025). Power Purchase Agreements in the Agricultural Sector: European Trends. Energy Monitor. https://energymonitor.ai
- - Ridder (2025). Modular Indoor Farming Systems: Scale-Up Methodology. Ridder Group. https://www.ridder.com
- - Growstack (2025). Container-Based Vertical Farming: Deployment Guide. Growstack GmbH. https://www.growstack.de
- - Fraunhofer IPA (2025). Automatisierungskonzept für modulare Indoor-Farming-Anlagen. Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung. https://www.ipa.fraunhofer.de
- - BMEL (2024). Förderrichtlinie wassersparende Anbausysteme 2024. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. https://www.bmel.de
- - Nuvaria (2025). Urban Food-Energy Symbiosis: Rotterdam and Helsinki Case Studies. Nuvaria Agritech. https://www.nuvaria.eu
Über den Autor: Dirk Röthig ist CEO von VERDANTIS Impact Capital, einem Unternehmen das in nachhaltige Agrar- und Technologieinnovationen investiert. VERDANTIS investiert in energie-optimierte Indoor-Farming-Anlagen der zweiten Generation, die nachhaltigen Lebensmittelanbau im urbanen Raum wirtschaftlich tragfähig machen.